Dieser Text richtet sich an Leser, die wissen wollen,
warum das Zwei-Phasen-Lesen funktionieren kann —
ohne Versprechen, ohne Marketing, auf theoretischer Basis.
Lesezeit: ca. 8–10 Minuten.
In vielen Lernsituationen wird erfolgreiches Lesen mit nachhaltigem Lernerfolg gleichgesetzt. Integrierte Kommentare, Übersetzungen und erläuternde Hinweise ermöglichen ein stabiles Textverstehen selbst bei begrenzter sprachlicher Kompetenz. Das beobachtete Verstehen eines Textes wird dabei implizit als Hinweis darauf gewertet, dass auch sprachliche Elemente dauerhaft behalten wurden. Solange jedoch sprachliche Unterstützung permanent verfügbar ist, lässt sich nicht zuverlässig bestimmen, ob das Textverstehen auf internen sprachlichen Kenntnissen beruht oder auf der Nutzung externer Hilfsmittel. Dies wirft eine zentrale methodische Frage auf: Lernen Lernende unter solchen Bedingungen tatsächlich zu lesen – oder erwerben sie in erster Linie die Fähigkeit, die verfügbare Unterstützungsoberfläche effizient zu nutzen? Der vorliegende Beitrag stellt das Gestützte zweistufige Lesen (GZL) als eine strukturierte Möglichkeit zur Entwicklung autonomer Lesekompetenz vor.
GZL ist ein Lesedesign, dessen Funktionsweise sowohl theoretisch fundiert als auch durch breite praktische Anwendung plausibel erklärbar ist.
International wird dieses Design unter der Bezeichnung STR (Supported Two-Phase Reading) geführt.
GZL ist keine „weitere Methode zum Wortlernen“.
Es handelt sich um eine architektonisch strukturierte Form des Lesens, die Leserinnen und Leser systematisch von gestütztem Verstehen zu realem, autonomem Lesen führt – ohne Wörterbuch, ohne Unterbrechungen und ohne inneres Übersetzen.
Das Kernprinzip von GZL
GZL beruht auf einer einzigen, aber entscheidenden Designentscheidung:
Unterstützung ist temporär – und verschwindet vollständig.
Jeder Textabschnitt wird unmittelbar zweimal gelesen:
Phase I: Lesen mit Unterstützung
Der Text enthält integrierte Übersetzungen und kurze Erläuterungen direkt im Lesefluss.
Das Verständnis ist von Beginn an vollständig gegeben – ohne Nachschlagen, ohne Stocken, ohne kognitive Umwege.
Phase II: Lesen ohne Unterstützung
Unmittelbar danach wird derselbe Text erneut gelesen, diesmal ohne Übersetzungen oder Hilfen.
Die Unterstützung ist nicht optional, sie steht nicht mehr zur Verfügung – sie existiert schlicht nicht mehr.
Ergebnis:
Lesen bleibt im Fluss – ohne Wörterbuch und ohne inneres Übersetzen.
Warum GZL funktioniert: theoretische Fundierung
Die Wirkung von GZL lässt sich nicht auf einen einzelnen didaktischen Trick zurückführen.
Sie ergibt sich aus der Kombination mehrerer etablierter Lernmechanismen, die in klassischen Methoden meist getrennt auftreten.
GZL integriert sieben theoretisch unabhängige, aber kompatible Mechanismen:
Comprehensible Input – Verstehen ist von Beginn an gesichert
Cognitive Load Theory – kognitive Belastung wird zeitlich entkoppelt
Retrieval Practice – Abruf stärkt Gedächtnisspuren
Noticing Hypothesis – Wissenslücken werden automatisch sichtbar
Desirable Difficulties – Schwierigkeit ist optimal dosiert
Involvement Load – Verarbeitungstiefe ist strukturell vorgegeben
Transfer-Appropriate Processing – Übung unter realen Nutzungsbedingungen
Im Folgenden eine vertiefte Darstellung zentraler Mechanismen.
1. Verstehen als Voraussetzung (Comprehensible Input)
Nach der Input-Hypothese wird Sprache nur dann erworben, wenn der Inhalt verstanden wird und leicht über dem aktuellen Kompetenzniveau liegt.
In GZL ist dieses Verstehen bereits in Phase I garantiert:
Die Bedeutung des Textes ist durch integrierte Übersetzungen sofort klar
Der Fokus liegt auf Inhalt, nicht auf Problemlösung
Verstehen ist kein Versuch, sondern ein Designmerkmal
Der entscheidende Unterschied zum traditionellen Lesen:
Man versucht nicht zuerst zu verstehen – man versteht zuerst und lernt dann, ohne Hilfe zu lesen.
Dies senkt die emotionale Belastung und reduziert hemmende Faktoren wie Frustration oder Überforderung. Wenn Verstehen gesichert ist, kann Verarbeitung stattfinden.
2. Steuerung der kognitiven Belastung (Cognitive Load Theory)
Arbeitsgedächtnis ist begrenzt. Werden zu viele Prozesse gleichzeitig verlangt, kommt es nicht zu stabilem Lernen.
Ungestütztes Lesen in der Fremdsprache erzeugt häufig Überlastung:
lexikalische Suche
Bedeutungsaufbau
Aufrechterhaltung des Textzusammenhangs
GZL trennt diese Anforderungen zeitlich.
Phase I:
Minimiert irrelevante Belastung (kein Nachschlagen)
Verhindert Aufmerksamkeitssplit zwischen Text und Wörterbuch
Alle Ressourcen fließen in das Situationsmodell des Textes
Phase II:
Erhöht die lernrelevante Belastung gezielt
Bedeutung ist bereits bekannt, muss nicht neu konstruiert werden
Aufmerksamkeit richtet sich auf Form-Bedeutungs-Zuordnungen
Implikation:
GZL vereinfacht die Aufgabe nicht – es sequenziert sie.
Theoretisch ist dies günstiger als gleichzeitiges Verstehen und Lernen.
3. Aktiver Abruf statt Wiederlesen (Retrieval Practice)
Gedächtnisforschung zeigt konsistent: Abrufen stärkt Erinnerungen stärker als Wiederholen.
In Phase II von GZL entsteht Abruf zwangsläufig:
Übersetzungen sind entfernt
Bedeutungen müssen rekonstruiert oder aus dem Kontext erschlossen werden
Der Abruf erfolgt unmittelbar nach der Erstverarbeitung
Wichtig:
Dies ist kein Test und keine Übungseinheit.
Der Abruf entsteht als strukturelle Folge des Lesedesigns, nicht als zusätzliche Aufgabe.
Durch die wiederholte Abfolge dieser Zyklen entstehen zahlreiche Abrufereignisse in authentischem Kontext.
Form-Bedeutungs-Verbindungen werden stabilisiert – ohne explizites Pauken.
Warum die zweite Phase entscheidend ist
Der zentrale Lernmoment in GZL liegt nicht in der Unterstützung, sondern in deren Entzug.
In Phase II:
bleibt man im Text, statt abzubrechen
liest weiter, auch wenn nicht alles perfekt ist
beginnt, direkt zu verstehen statt zu übersetzen
Viele Leser berichten, dass die zweite Lektüre überraschend leicht fällt – nicht trotz, sondern wegen der vorherigen Absicherung des Sinns.
GZL als System, nicht als Einzeltechnik
GZL wird nicht einmal angewendet, sondern hunderte Male innerhalb eines Buches:
jeder Absatz bildet einen eigenen Zwei-Phasen-Zyklus
Wörter erscheinen in variierenden Kontexten
autonomes Lesen wird kontinuierlich trainiert
Die Folgen:
Wortschatz festigt sich ohne Auswendiglernen
Lesegeschwindigkeit steigt
der Bedarf an einem Wörterbuch verschwindet funktional
Abgrenzung von GZL gegenüber anderen Leseansätzen
Abbildung 1. Vergleich von GZL mit anderen Leseansätzen.
Bei GZL bleibt Unterstützung nicht dauerhaft bestehen.
Sie wird gezielt eingesetzt – und verbindlich entfernt, sobald selbstständiges Lesen möglich ist.
Für wen GZL geeignet ist
GZL ist besonders geeignet, wenn:
Texte mit Übersetzung verstanden werden, ohne Übersetzung aber nicht
das Wörterbuch den Lesefluss ständig unterbricht
ein Stillstand auf A1–A2-Niveau besteht
gelesen werden soll, nicht „Lesen gelernt“
Geeignet für:
erwachsene Selbstlerner
Schülerinnen und Studenten
Eltern, die Kinder begleiten
alle, die von Verstehen zu echtem Lesen gelangen wollen
Ein nüchternes Fazit
GZL motiviert nicht, überredet nicht und verspricht keine Abkürzungen.
Es schafft lediglich Bedingungen, unter denen autonomes Lesen unvermeidlich wird.
Lernen ist hier kein Zielversprechen, sondern eine Folge der Textarchitektur.
Deshalb funktioniert GZL.
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Author Note
Eugene Suchanek
Prague, Czech Republic
This text presents the theoretical rationale of the GZL (STR) reading design developed by the author.
Contact: eugenesuchanek@outlook.com